Zeit heilt keine Jugend.

„Die Jugend von heute hat doch kein Respekt mehr vor dem Alter!“

„Die jungen Leute saufen sich doch nur noch das Hirn raus!“

„Früher war alles besser“

Zuallererst war früher vor allem früher. Das sind Sätze die wahrscheinlich jede Generation in den letzten 1000 Jahren gehört hat. Ich auch, deshalb will ich, wie jede Generation vor mir, erörtern warum das so ist. War früher wirklich alles besser? Sind wir wirklich so verkommen? Und warum macht auf einmal jeder Blogs und schreibt über pseudophilosophischen Quatsch? Seltsam…


Das erste Mal hörte ich einen der Sätze oben im Alter von 6 Jahren von meiner Großmutter. Ich kannte das Wort „Saufen“ noch nicht und außerdem wusste ich nicht einmal was eine Generation ist. Trotzdem habe ich mich damals schon gefragt, warum man andere Menschen so negativ sieht, obwohl man sie nicht kennt. Gut, heute verstehe ich das sehr gut, aber das ist ein anderes Thema. Was haben wir unseren Eltern oder Großeltern getan, dass sie uns als verkommen oder respektlos bezeichnen? Wer unfreundlich zu mir ist, dem versuche ich meist trotzdem nett zu entgegnen, aber irgendwann verfällt das natürliche Recht auf Respekt, auch wenn der körperliche Verfall schon unaufhaltsam fortgeschritten ist.

„Respekt muss man sich verdienen!“ – Dem kann ich nicht zustimmen, ein gewisser Grundrespekt sollte jedem Menschen entgegen gebracht werden, aber welches Sonderrecht haben Generationen vor uns, dass sie davon eine besonders große Portion erhalten sollen? Gut, unsere Eltern haben es geschafft, Deutschland nicht komplett an die Wand zu fahren, aber soll ich mich dafür bedanken, dass ich jetzt schon weiß, dass ich an meinem Lebensabend vermutlich kein Cent Rente sehen werde? Oder dass es für Jeden einfach wie nie ist, vom Staat Geld zu schnorren, ohne etwas zu tun? Dass ich bis jetzt noch nicht weiß, was ich tun soll, obwohl ich die beste schulische Ausbildung bekommen habe, dabei aber alles auf Studium ausgelegt war? „Wie Ausbildung? Sie haben Abitur, natürlich studieren Sie!“

Das soll nicht heißen, dass ich nicht dankbar bin. Ich wuchs behütet auf, hatte nie Geldsorgen, habe Unterstützung von meinen Eltern. Vieles von dem war früheren Generationen sicherlich verwehrt. Lange Zeit mussten unsere Großeltern schuften, um dieses Deutschland wieder aufzubauen. Wir sind in ein friedliches Europa hineingeboren worden, können die ganze Welt bereisen ohne Angst vor einem Atomalarm zu haben, uns steht die Welt offen, wir sind komplett vernetzt und können im Prinzip tun was wir wollen. Und das ist die Krux an der Sache.

„Mach irgendeinen Schulabschluss, in die meisten Berufe kommst du eh nur mit Praktikum.“ waren die Worte des Berufsberaters. Das hat sicherlich Vorteile, so sehen Unternehmen was man wirklich kann oder halt auch nicht. Wir können alles machen, aber zeigt uns auch jemand was das Beste für uns wär? „Seid doch froh dass ihr soviel Auswahl habt und jetzt tut nicht so rum, das müsst ihr selbst hin bekommen!“ „Am besten irgendwas mit Medien!“ Vielleicht ist das auch mein persönliches Problem, aber wir können so viel machen, es gibt seit ein paar Jahren so viel neue Berufe, dass man seine Stelle oft nur auf Englisch beschreiben kann.

Und letztendlich ist es doch wichtiger, ob das „Selfie“ richtig gelungen ist, als dass wir Geld verdienen. Das neuste Handy geht vor, arbeiten können wir immer noch danach. „Mach ich halt ein FSJ.“ Das waren übrigens meine eigenen Worte. Ich will mit diesem Text nicht herum meckern, wir haben wirklich viel Glück, heute zu leben. Doch durch die ganze Freiheit haben wir (oder unsere Eltern, die sind immer schuld wenn wir sonst keinen Schuldigen finden) vergessen, was es bedeutet Ziele zu folgen. Freiheit macht anscheinend an einem bestimmten Punkt unproduktiv. Warum auf ein Ziel hin arbeiten, wenn man sich da auch was aus dem Internet laden kann?

Dazu Anton Hofreiter in einem „Zeit“-Interview:

„Dass der Sohn des Schmieds früher immer Schmied werden musste und wir solche tradierten Muster heute überwunden haben, ist natürlich ein Fortschritt. Aber die Anforderungen der modernen Arbeitswelt erleben viele Menschen als freiheitseinschränkend. Wir müssen uns bewusst sein, dass Freiheit ein spannender Begriff ist – unterschiedliche Freiheitsräume können aber auch miteinander kollidieren. Die Freiheit, meine Arbeit wählen zu können, kann die Freiheit einschränken, wie ich meine Freizeit gestalten kann.“

Und irgendwie kommt es mir vor, als wäre unsere Generation genau wie die vor uns und die, die davor kam. Lediglich die Vorraussetzungen haben sich geändert. Auch unsere Eltern hatten „keinen Respekt vor dem Alter“ und „waren nur noch am Saufen“ (Damals wurde vielleicht nicht so genau Buch geführt). Anstatt uns einem bestimmten Lebensweg zu widmen, schauen wir lieber noch einmal in Whatsapp und erstellen pseudokritische Internet-Blogs (hehe). Sind wir verloren? Nein, wir sind nicht verloren, dann wüssten wir wenigstens wo wir stehen. Wir sind nichts. Weder rechts noch links, weder respektlos noch respektvoll, weder faul noch fleißig, weder dumm noch klug.


Wir haben so viele Freiheiten, dass wir vor lauter Freiheit keine Bindung oder Neigungen entwickeln. Wir sind nicht rot oder blau, wir sind grau. Und am Ende sind wir weder Fisch noch Fleisch oder sonst prägend für diese Zeit. Das mag sehr düster klingen, aber ich bin überhaupt nicht schlecht oder gut gelaunt deshalb. Es ist mir irgendwie egal.

Generation Unsichtbar.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=ZHdgls3RH_U]

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